21
Mai
2026
|
09:14
Europe/Amsterdam

IU-Studie: Deutschland im digitalen Dauerstress

Vier von zehn Befragte sind gedanklich ständig ‚online‘ – mit Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität

Zusammenfassung

Die IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland" zeigt die Auswirkungen permanenter digitaler Bereitschaft auf Gesundheit und Lebensqualität.

  • 81,0 Prozent der Befragten checken ihre digitalen Geräte mindestens einmal pro Stunde – auch ohne Benachrichtigung.
  • Ein Drittel der Befragten fühlt sich am Ende des Tages häufig oder täglich emotional oder mental erschöpft; ebenso fühlt sich ein Drittel der Arbeitnehmenden verpflichtet, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein.
  • Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich, häufiger offline zu sein – schafft es aber nicht.
  • 22,3 Prozent berichten, dass es in ihrem Umfeld nicht akzeptiert wird, nicht sofort auf digitale Nachrichten zu reagieren.

Erfurt, 21. Mai 2026. Always-on statt Abschalten: Die Menschen in Deutschland befinden sich in einem Zustand permanenter digitaler Bereitschaft. Das zeigt eine neue repräsentative Studie der IU Internationalen Hochschule. Die IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland" belegt, dass 44,2 Prozent der Befragten das Gefühl haben, gedanklich ständig „auf Empfang" zu sein; 46,9 Prozent fühlen sich im Kopf angespannt, obwohl sie eigentlich abschalten möchten. Je jünger die Befragten sind, desto häufiger geben sie an, solche Always-on-Muster zu erleben (siehe Grafik 1 und 2).

IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland

(Grafik 1: Frage: Inwieweit stimmen Sie der folgenden Aussage zu: „Ich habe das Gefühl, gedanklich ständig ‚auf Empfang‘ zu sein.“ In %; Auszug aus abgefragten Statements; Altersvergleich)

Laut der IU-Studie prägt die digitale Dauerbereitschaft den gesamten Alltag der Menschen in Deutschland: 81,0 Prozent schauen mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihr Smartphone, Tablet oder Laptop – auch ohne konkrete Benachrichtigung. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei jungen Menschen: 90,6 Prozent der 16- bis 30-Jährigen checken ihre digitalen Geräte mindestens ein- bis zweimal pro Stunde, 68,1 Prozent tun dies sogar mindestens dreimal.

IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland

(Grafik 2: Frage: Inwieweit stimmen Sie der folgenden Aussage zu: „Ich fühle mich im Kopf angespannt, auch wenn ich eigentlich abschalten möchte.“ In %; Auszug aus abgefragten Statements; Altersvergleich)

Von der mentalen Daueraktivierung zur digitalen Erschöpfung

Diese permanente Erreichbarkeit kann Folgen haben: 32,0 Prozent der Befragten fühlen sich am Ende des Tages häufig oder sogar täglich emotional oder mental erschöpft. 31,9 Prozent berichten von häufigen oder täglichen Ein- oder Durchschlafproblemen. Besonders betroffen von Erschöpfung und Schlafproblemen sind Frauen (38,5 bzw. 38,6 Prozent).

Prof. Dr. Stefanie Andre

„Die Ergebnisse belegen einen lebensweltlichen Always-on-Zustand: mentale Daueraktivierung vom Aufwachen bis zum Einschlafen über Arbeit, Familie und Alltag hinweg. Viele Menschen wollen häufiger offline sein, schaffen es aber strukturell kaum. Das ist nicht nur ein individuelles Selbstmanagementproblem, sondern ein gesellschaftliches Belastungsmuster mit gesundheitlichen und ökonomischen Folgen", ordnet Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule, die Ergebnisse ein.

 

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Mehr als die Hälfte der Befragten (56,0 Prozent) gibt an, gerne häufiger offline sein zu wollen.

Was hindert Menschen daran, abzuschalten? Die IU-Studie zeigt, dass:

  • 42,2 Prozent der Arbeitnehmenden das Gefühl haben, sowohl im beruflichen und privaten Alltag permanent erreichbar sein zu müssen;
  • 32,9 Prozent der Arbeitnehmenden fühlen sich dazu verpflichtet, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein;
  • und 56,2 Prozent der Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass ihr Umfeld von ihnen erwartet, dass sie zeitnah auf digitale Nachrichten antworten; bei 22,3 Prozent sei es im Umfeld nicht akzeptiert, wenn man nicht sofort auf digitale Nachrichten reagiere.
Prof. Dr. Timo Kortsch

„Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Offline-Zeit, schafft es aber nicht, diesen Wunsch umzusetzen. Das spricht nicht für fehlendes Wissen, sondern für einen starken äußeren Erwartungsdruck: soziale Normen, berufliche Erreichbarkeit und die Angst, etwas zu verpassen (FOMO – Fear of Missing Out). Dahinter stecken komplexe psychologische Mechanismen, die über das individuelle Verhalten hinausgehen.", so Prof. Dr. Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule.

 

Fragmentierte Aufmerksamkeit: Digitale Störungen als Stressfaktor

Der Druck hinter der digitalen Dauererreichbarkeit und die digitale Ablenkung bringen Konzentrationsprobleme mit sich:

  • 51,7 Prozent geben an, dass ihre Aufmerksamkeit ständig zwischen verschiedenen Dingen hin- und herspringt.
  • 37,2 Prozent verlieren schnell den Faden, wenn sie durch digitale Nachrichten unterbrochen werden.
  • 44,3 Prozent der Befragten fühlen sich von der Menge an digitalen Informationen überfordert.

Jüngere und Frauen besonders betroffen

Die IU-Studie zeigt Unterschiede nach Geschlecht und Alter: Frauen erleben häufiger negative Auswirkungen durch digitale Erreichbarkeit als Männer – sie geben häufiger an, leicht ablenkbar zu sein (40,3 vs. 29,9 Prozent) und von digitalen Medien abhängig zu sein (31,6 vs. 20,3 Prozent) (siehe auch Grafik 3).

IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland

(Grafik 3: Frage: Welche der folgenden negativen Auswirkungen erleben Sie durch digitale Erreichbarkeit im Alltag? In %; Top-15-Nennungen; Geschlechtervergleich)

Auch wenn es um die Quelle des stärksten Erwartungsdrucks in Sachen Erreichbarkeit geht, nennen Frauen (43,3 Prozent) die Familie häufiger als Männer (37,5 Prozent), während Männer häufiger Druck von Seiten der Arbeit in Sachen Erreichbarkeit verspüren (33,7 Prozent: Männer vs. 27,2 Prozent: Frauen).

IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland

(Grafik 4: Frage: In welchen Bereichen empfinden Sie den stärksten Erwartungsdruck, erreichbar zu sein? Bitte wählen Sie maximal drei Aspekte aus. In %; Top-6-Nennungen; Geschlechtervergleich)

„Wir alle kennen die Lesebestätigungen bei Nachrichten – und die Erwartung dahinter: Wann kommt die Antwort? Viele Menschen verspüren deshalb nicht nur den Druck, erreichbar sein zu müssen, sondern auch rasch zu reagieren. Im familiären Kontext ist dieser Erwartungsdruck besonders hoch, vor allem bei Frauen, die in vielen Haushalten nach wie vor einen großen Teil des Mental Load rund um Care-Arbeit und Alltagsorganisation tragen", erklärt Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ André.

Bei jungen Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren ist die digitale Dauerbereitschaft besonders ausgeprägt: Fast die Hälfte (48,6 Prozent) der Befragten hat Angst, etwas Wichtiges zu verpassen (FOMO), wenn sie offline sind.

Was hilft gegen digitalen Stress?

Die am häufigsten genannten hilfreichen Maßnahmen gegen digitalen Stress1 sind laut der Menschen in Deutschland: Push-Benachrichtigungen ausschalten (38,4 Prozent), den „Nicht-stören"-Modus aktivieren (29,5 Prozent) und Bewegung bzw. Sport – ganz ohne digitale Geräte (28,7 Prozent) (für weitere Maßnahmen: siehe folgende Grafik)

IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland
 

(Grafik 5: Frage: Frage: Welche der folgenden Maßnahmen helfen Ihnen persönlich dabei, Ihre digitale Erreichbarkeit zu steuern? In %; Top-13-Nennungen)

 

 

1 Definition: Digitaler Stress: Digitaler Stress bezeichnet eine psychische und körperliche Belastungsreaktion, die im Umgang mit digitalen Anforderungen entsteht, wenn diese als nicht bewältigbar oder unkontrollierbar bewertet werden und / oder dauerhaft präsent sind, ohne ausreichende Möglichkeiten zur Erholung und Regulation.

Digitaler Stress betrifft sowohl das Arbeits- als auch das Privatleben und manifestiert sich in anhaltender Anspannung, Konzentrationsproblemen, Erschöpfung, Schlafstörungen sowie in einer eingeschränkten Fähigkeit, abzuschalten und sich zu erholen.

Häufig entsteht digitaler Stress nicht primär durch digitale Technik selbst, sondern durch strukturelle Rahmenbedingungen in Kombination mit unzureichenden Möglichkeiten zur Selbstregulation und ist damit Ausdruck eines gestörten Gleichgewichts zwischen Aktivierung und Regulation.

 

Über die Studie

Die Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland" der IU Internationalen Hochschule untersucht, wie digitale Dauererreichbarkeit den Alltag prägt und welche Auswirkungen sie auf Gesundheit, Konzentration und Lebensqualität hat. Für die Studie wurden 2.000 Personen in Deutschland im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt. Die Stichprobe ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung nach Alter und Geschlecht. Die Befragung wurde im Zeitraum vom 13.01. bis 19.01.2026 durchgeführt.

Die vollständige Studie ist abrufbar unter: https://www.iu.de/forschung/studien/digitaler-stress/

 

Für Interviewanfragen der Studienexpert:innen Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ André und Prof. Dr. Kortsch
Gerne stehen Ihnen Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ André und Prof. Dr. Kortsch für ein Interview zur Verfügung. Anfragen bitte über: 
Pressestelle – IU Internationale Hochschule
E-Mail: presse@iu.org
Telefon: +49 (0)173/7426 113

Download
ÜBER DIE IU INTERNATIONALE HOCHSCHULE

Mit rund 130.000 Studierenden ist die IU Internationale Hochschule (IU) Deutschlands größte Hochschule. Die private, staatlich anerkannte Bildungseinrichtung mit Sitz in Erfurt nahm im Jahr 2000 ihren Lehrbetrieb auf und ist heute an 37 Standorten vertreten. Die IU steht für maximale Flexibilität im Studium: ob dual, im Fernstudium oder am Campus – Studierende aus über 160 Nationen gestalten ihren Bildungsweg individuell je nach persönlicher Lebenssituation. Mit mehr als 200 Studienprogrammen im Bachelor-, Master- und MBA-Bereich vermittelt die IU praxisnahe Kompetenzen. Innovative Lernkonzepte fördern gezielte Zukunftsfähigkeiten für eine zunehmend KI-geprägte Arbeitswelt. Eine moderne, digital gestützte Lernumgebung sowie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglichen effektives, personalisiertes Lernen. Als Vorreiterin in diesem Bereich hat die IU mit „Syntea“ einen eigenen digitalen Lernbegleiter entwickelt, der seit 2023 im Einsatz ist. Ein Netzwerk von über 15.000 Unternehmen – darunter Motel One, Vodafone, die AWO und die Deutsche Bahn – macht die IU zu einem starken Partner in der Ausbildung von Fachkräften und verbindet akademische Lehre konsequent mit der Praxis. Weitere Informationen unter: iu.de

 

Kontakt