Unser Experte Prof. Dr. Timo Kortsch definiert für uns den Begriff „digitale Stressoren“. Außerdem erklärt der Professor für Wirtschaftspsychologie die psychologischen Motive und technologischen Mechanismen, die hinter den Stressoren stecken.
Digitale Stressoren sind Belastungsfaktoren, die aus digitaler Technik und digitaler Kommunikation entstehen und digitalen Stress auslösen oder verstärken. Dazu zählen vor allem Informationsflut und Dauererreichbarkeit (zu viele E-Mails, Chats und Feeds), häufige Benachrichtigungen und Unterbrechungen, Reaktions- und Zeitdruck, Multitasking sowie komplexe oder häufig wechselnde Tools.
Fehlen klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben oder kommen sozialer Vergleich und FOMO (Fear of Missing Out) hinzu, steigt die digitale Belastung zusätzlich.
Hinter dem Griff zu Smartphone und Co. stehen grundlegende psychologische Motive: Wir reagieren stark auf Neuigkeiten und kleine Belohnungen, suchen Zugehörigkeit und regulieren Emotionen gerne über Ablenkung. Gleichzeitig treibt uns die Angst, etwas zu verpassen.
Typische psychologische Motive:
Diese psychologischen Motive wären weniger wirksam, wenn digitale Tools sie nicht gezielt verstärken würden.
Mechanismen: So funktionieren digitale Tools
Digitale Tools verstärken die psychologischen Motive, indem sie ständig verfügbar sind, Aufmerksamkeit absichtlich binden und Rückmeldungen in variablen, schwer vorhersehbaren Mustern liefern.
Typische technologische Mechanismen:
Die Motive und Mechanismen beziehen sich auf alle digitalen Geräte, allerdings werden diese von Smartphones am stärksten aktiviert. Das Smartphone ist psychologisch gesehen ein hochoptimierter Verhaltensverstärker.

Prof. Dr. Timo Kortsch
Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule
Eine Ursache von digitaler Überlastung liege in der „mentalen Daueraktivierung im Alltag“, so Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule. Wichtig dabei: Nicht die digitale Erreichbarkeit selbst sei der Stressor, sondern die damit verbundenen Erwartungen, Gefühle und Ängste. Das bestätigen die Ergebnisse der repräsentativen IU Studie.
42,2 Prozent der Angestellten, Auszubildenden oder Trainees in Deutschland kennen das Gefühl, im beruflichen wie privaten Alltag permanent erreichbar sein zu müssen. Fast ein Drittel fühlt sich sogar dazu verpflichtet, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein.
Frage: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu?
Auszug aus abgefragten Statements; nur Antworten „Stimme ich voll und ganz zu“ und „Stimme ich eher zu“ auf 4er-Skala; nur Befragte, die Angestellte, Auszubildende oder Trainees sind
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Weitere Ergebnisse zu Belastungsfaktoren im beruflichen Kontext findest Du in unserer IU Studie zu Leisure Sickness.
Mehr als die Hälfte der Befragten haben das Gefühl, ihr Umfeld erwarte eine schnelle Antwort auf digitale Nachrichten. Und mehr als ein Fünftel gibt an: In meinem Umfeld ist es nicht akzeptiert, wenn ich nicht sofort auf Nachrichten reagiere.
Frage: Inwieweit stimmen Sie der folgenden Aussage zu? „Ich habe das Gefühl, dass mein Umfeld von mir erwartet, dass ich zeitnah auf digitale Nachrichten antworte.“
Auszug aus abgefragten Statements
Frage: Inwieweit stimmen Sie der folgenden Aussage zu: „In meinem Umfeld ist es akzeptiert, wenn ich nicht sofort auf Nachrichten reagiere.“
Auszug aus abgefragten Statements
In welchen Lebensbereichen ist der Erwartungsdruck in Sachen Erreichbarkeit am größten? Am häufigsten nennen die Befragten: Familie, Beruf und Freundeskreis. Auffällig dabei: Frauen (43,3 Prozent) nennen den Erwartungsdruck durch die Familie häufiger als Männer (35,7 Prozent).
Frage: In welchen Bereichen empfinden Sie den stärksten Erwartungsdruck, erreichbar zu sein? Bitte wählen Sie maximal drei Aspekte aus.
Top-6-Nennungen
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Stefanie André
Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule

33,7 Prozent der Befragten stimmen zu, Angst zu haben, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn sie offline sind. Ein Phänomen, das auch als Fear of Missing Out (FOMO) bekannt ist (siehe Zitat unten). Bei jungen Menschen bis zu 30 Jahren geben das sogar 48,6 Prozent an, also fast jede:r Zweite.
Frage: Inwieweit stimmen Sie der folgenden Aussage zu? „Ich habe Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn ich offline bin.“
Auszug aus abgefragten Statements
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Stefanie André
Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule