Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer und Prof. Dr. Philipp Diebold im Doppelinterview zum KI-Change in der Arbeitswelt. Außerdem geben die beiden Expert:innen Tipps, wie Unternehmen die Einführung von KI systematisch begleiten können.

Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer
Professorin für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule, Unternehmerin und Aufsichtsrätin

Prof. Dr. Philipp Diebold
Professor für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule und Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens
Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt tiefgreifender verändern als jede digitale Technologie zuvor. Das Internet hat Prozesse digitalisiert – generative KI verändert nun auch wissensintensive und kreative Arbeit. KI ist dabei keineswegs neu: Unternehmen nutzen sie seit Jahren, etwa im Machine Learning. Neu ist jedoch, dass leistungsfähige generative KI spätestens seit der Veröffentlichung von ChatGPT nahezu allen Arbeitnehmenden direkt im Arbeitsalltag zur Verfügung steht. Genau dadurch wird KI vom Spezialtool zur Basistechnologie.
Die eigentliche Herausforderung ist deshalb nicht mehr die Technologie, sondern der Umgang damit. Unsere Studie zeigt: Entscheidend ist, wie Unternehmen KI in Prozesse integrieren, Mitarbeitende qualifizieren und den Wandel aktiv begleiten. KI-Transformation ist damit vor allem eine Führungs- und Change-Management-Aufgabe.
Prof. Dr. Philipp Diebold: Die Nutzung von KI wird für viele Arbeitnehmende zur Selbstverständlichkeit oder sie ist es bereits heute. Entscheidend wird künftig aber nicht mehr sein, ob jemand KI nutzt, sondern wie gut Mensch und KI zusammenarbeiten. Gefragt sind Kompetenzen wie kritisches Denken, Problemlösefähigkeit und die Fähigkeit, KI gezielt zur Verstärkung der eigenen Expertise einzusetzen. Wer KI als Sparringspartner versteht und ihre Stärken sinnvoll mit dem eigenen Fachwissen verbindet, wird langfristig erfolgreicher arbeiten.
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer: Richtig. Diese Fähigkeiten entstehen jedoch nicht von allein. Unternehmen müssen AI Literacy systematisch aufbauen. Dazu gehört ein grundlegendes Verständnis dafür, wie KI funktioniert, wo ihre Stärken und Grenzen liegen und welche Risiken mit ihrem Einsatz verbunden sind. Arbeitnehmende müssen lernen, KI kompetent und verantwortungsvoll in ihre Arbeitsprozesse zu integrieren. AI Literacy ist deshalb weit mehr als Prompting. Sie wird zu einer Schlüsselkompetenz für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Mensch und KI.
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer
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Eine Bitkom-Studie¹ zeigt: KI gewinnt in deutschen Unternehmen zwar deutlich an Bedeutung, wird aber noch nicht konsequent mit Investitionen und Zugängen gestützt. 29 Prozent der Unternehmen wollten 2025 mehr in KI investieren als im Vorjahr. Gleichzeitig stellt nur gut ein Viertel der Unternehmen den Beschäftigten einen direkten Zugang zu generativen KI-Diensten oder -Anwendungen bereit.
¹ Quelle: Bitkom (2025): Künstliche Intelligenz in Deutschland: Perspektiven aus Bevölkerung und Unternehmen
Ja, deutlich. Prompting ist nur der Einstieg. Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden nicht nur im Umgang mit KI-Tools schulen, sondern gezielt AI Literacy aufbauen – also ein Verständnis dafür, wie KI funktioniert und wo ihre Grenzen liegen. Erfolgreiche KI-Nutzung bedeutet nicht, möglichst viele Aufgaben an KI abzugeben, sondern die richtige Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine zu finden, um so einen Mehrwert zu schaffen, den es ohne KI bisher so nicht gab. KI erweitert damit menschliche Expertise, ersetzt sie aber nicht.
Unternehmen sollten deshalb weniger in Prompting-Kurse investieren, sondern vielmehr in den Aufbau einer KI-Kompetenz, die Technologieverständnis, kritisches Denken und die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine verbindet.
Weil Technologie immer in Arbeitsabläufe übersetzt werden muss. Auf der einen Seite steht ein KI-System mit bestimmten Fähigkeiten, auf der anderen Seite ein Mensch mit einer konkreten Aufgabe und oft technisch limitierten Fähigkeiten. Beides muss sinnvoll zusammenpassen. Arbeitnehmende müssen verstehen, für welche Anwendungsfälle KI geeignet ist. Fehlt dieses Verständnis, bleibt KI entweder ungenutzt oder wird ineffizient eingesetzt. Erfolgreiche KI-Transformation beginnt deshalb nicht mit der Technologie, sondern mit der Befähigung der Menschen, sie sinnvoll in ihre tägliche Arbeit zu integrieren.
Prof. Dr. Philipp Diebold: Viele Unternehmen betrachten KI nach wie vor als Softwareprojekt. Tatsächlich verändert sie jedoch die Art und Weise, wie Arbeit organisiert wird. Der häufigste Fehler besteht deshalb darin, KI zusätzlich zur bestehenden Arbeit einzuführen. Die Mitarbeitenden sollen neue Tools nutzen, ohne dass Aufgaben, Prozesse oder Prioritäten angepasst werden. So wird KI zum zusätzlichen Arbeitsauftrag statt zur Entlastung. Wie die Ergebnisse unserer Studie belegen, kann die Produktivität dadurch sogar sinken.
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer: Erfolgreiche Unternehmen schaffen Zeit zum Lernen, definieren klare Anwendungsfälle und entwickeln gemeinsam mit den Mitarbeitenden Rollen, Prozesse und Verantwortlichkeiten weiter. Erst dann kann KI ihr volles Produktivitätspotenzial entfalten.
Prof. Dr. Philipp Diebold
Der größte Fehler ist die Annahme, dass der Prozess mit der erfolgreichen Einführung von KI-Tools endet. Tatsächlich beginnt die eigentliche Arbeit erst danach. KI entwickelt sich rasant weiter, die Anwendbarkeit muss messbar eingeschätzt werden, und vielleicht wird das ein oder andere Tool auch wieder verworfen. Das ist alles Teil des Prozesses. Wichtig ist, dass es klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten für die Steuerung gibt sowie eine klare Kommunikation an die Mitarbeitenden. Sie sind diejenigen, die damit arbeiten sollen, und müssen wissen, was Sache ist. KI-Transformation ist kein Projekt mit Enddatum, sondern ein dauerhafter Veränderungsprozess.
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer
Eine zentrale Rolle. KI kann vieles: Sie analysiert Informationen, erkennt Muster und unterstützt Entscheidungen. Die Verantwortung für Entscheidungen kann sie jedoch nicht übernehmen, diese bleibt beim Menschen und damit bei den Führungskräften. Gleichzeitig sind Führungskräfte gefordert, Orientierung zu geben, klare Leitplanken für den KI-Einsatz zu schaffen und ihre Teams zu befähigen, KI verantwortungsvoll und wertschöpfend im Arbeitsalltag einzusetzen. Erfolgreiche KI-Transformation braucht Führung: Führungskräfte geben Orientierung, schaffen klare Leitplanken und befähigen ihre Teams, KI verantwortungsvoll zu nutzen – denn Entscheidungen können unterstützt, aber nicht an Technologie delegiert werden.
Unternehmen investieren Milliarden in KI-Tools, aber der eigentliche Engpass liegt längst woanders: bei den Menschen und ihren Arbeitsweisen. Wir brauchen deshalb eine doppelte Offensive: KI-Alphabetisierung für die gesamte Belegschaft und Führungskräfte, die ihre Teams befähigen, statt KI nur selbst zu nutzen – etwa durch Weiterbildungen, die nicht nur Tool-Wissen vermitteln, sondern bestehende Arbeitsweisen gezielt weiterentwickeln. Denn erst wenn Technologie und Kompetenzen gemeinsam wachsen, entsteht aus KI nachhaltige Wertschöpfung.
Viele Unternehmen zögern derzeit, Berufseinsteiger:innen einzustellen, weil Einarbeitung Zeit und Ressourcen kostet. Genau hier kann KI den entscheidenden Unterschied machen. Unsere Studie zeigt, dass fast die Hälfte der Führungskräfte davon überzeugt ist, dass KI Berufseinsteiger:innen schneller an anspruchsvollere Aufgaben heranführen kann, indem sie Routineaufgaben übernimmt und den Kompetenzaufbau unterstützt. Das kann Einstiegshürden senken, und angesichts des Fachkräftemangels und demografischen Wandels ist das eine Chance, die Unternehmen nutzen sollten.
Prof. Dr. Philipp Diebold
Prof.ⁱⁿ Dr.ⁱⁿ Anne Gfrerer: In wenigen Jahren wird KI kein Wettbewerbsvorteil mehr sein, sie wird zur Selbstverständlichkeit, so wie Automatisierung heute. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liegt dann in der Fähigkeit von Unternehmen, neue Technologien schneller als andere in Wertschöpfung zu übersetzen.
Prof. Dr. Philipp Diebold: Und genau diese Fähigkeit beginnt bei den Menschen. Eine KI-Transformation ist dann gelungen, wenn KI nicht mehr als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen wird, sondern selbstverständlich dort eingesetzt wird, wo es sinnvoll ist. Führungskräfte geben Orientierung, Mitarbeitende nutzen KI kompetent und entwickeln neue Arbeitsweisen. Erst dann entsteht mithilfe von Technologie nachhaltiger Wandel.
