Beschreibung der Tagung
Körper sind nie nur biologisch gegeben, sondern immer schon gesellschaftlich geformt. Sie sind beweglicher Bezugspunkt gesellschaftlicher Subjektivierungsprozesse und unhintergehbares Zentrum individueller Handlungsfähigkeit. In den sozialen Machtverhältnissen erfahren Körper Zurichtungen und Normierungen und spiegeln soziale Lagen sowie kulturelle Zugehörigkeiten.
Unter diesen Vorzeichen soll Soziale Arbeit 'Körper ermöglichen' und findet sich in einem komplizierten Geflecht gegenläufiger Mandate und widersprüchlicher Ansprüche wieder. Die Förderung körperlicher Funktionsfähigkeit in restriktiven Verhältnissen wie Armut, Prekarität, Gewalt, sozialer Konkurrenz oder Identitätsbedrohungen einerseits und die Ermöglichung körperlicher Entwicklung im lebensweltlichen Zusammenhang – etwa im Hinblick auf Wohlbefinden, Gesundheit, Sexualität oder Freude an Sinnlichkeit und Bewegung – andererseits, lassen sich als Pole des Spannungsfeldes markieren, in dem sich Soziale Arbeit bewegt.
In vielen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit ist der Körper nicht nur eine mitlaufende Bezugsgröße von Verständigung und Intervention, sondern steht im unmittelbaren Fokus professionellen Handelns. Fragen des richtigen Umgangs mit dem Körper entzündeten sich spätestens in der Frühzeit der modernen Sozialarbeit an der Bekämpfung von Alkoholkonsum, an Instruktionen zur Säuglingspflege und an Appellen zur Befolgung ärztlicher Weisungen. Diese und andere Aufgaben entwickelten sich zu institutionell ausdifferenzierten Feldern der Suchthilfe, frühpädagogischer Hilfen, vielfältigen Ansätzen der Präventionsarbeit und einer ausdrücklich gesundheitsbezogenen Sozialarbeit. In all diesen Feldern erfüllt die Soziale Arbeit eine gesellschaftlich gewichtige Funktion. Sie ist darüber hinaus an wissenschaftlichen und fachlichen Reflexionen beteiligt, um ihrem Anspruch gerecht zu werden, dabei nicht bloße Erfüllungsgehilfin diskutabler Normierungen, sondern kritische Akteurin in der gesellschaftlichen Realität zu sein. Damit ist ein weiter Reflexionshorizont eröffnet, den wir im Rahmen der Fachtagung gemeinsam gestalten möchten. Beiträge aus Wissenschaft, Praxis und Studium sind willkommen. Die folgenden Beispiele für thematische Konkretisierungen lassen sich jeweils für viele sozialarbeiterische Handlungsfelder fruchtbar machen:
sozialpädagogische Gesundheitsförderung unter Bedingungen von Armut und Ausgrenzung
Gesundheit und Bewegung als ungleich verteilte soziale Ressourcen
Pädagogik im Spannungsfeld von Schönheitsidealen und Fitnessnormen
emanzipatorische Ansprüche Sozialer Arbeit im Kontext gesellschaftlicher Selbstoptimierungsanforderungen
Medikalisierung als Herausforderung und Bezugspunkt Sozialer Arbeit
Soziale Arbeit als Akteurin in einer gesundheitlich belasteten Gesellschaft
Soziale Arbeit als Akteurin in einer alternden Gesellschaft
Körper- und Sexualitätsnormen als Anlass kritischer Reflexion sozialarbeiterischer Praxis
politische Mobilisierungen des Körpers als Herausforderung für die Soziale Arbeit
In der Geschichte der Sozialen Arbeit zogen Körper nicht nur als Problemzone professionelle Aufmerksamkeit auf sich, sondern waren auch Ausgangspunkt für die Förderung von Selbstbestimmung und die Verwirklichung eines besseren Lebens. Die sich in der Weimarer Republik ausbildende Jugendarbeit und Reformpädagogik griffen Bestrebungen der Jugendbewegung nach einer erlebnis- und naturverbundenen Lebensweise auf, die auf die belastenden Folgen von Industrialisierung, Urbanisierung und disziplinierenden Bildungsarrangements reagierten. Diese Ideen wirken beispielsweise in Ansätzen der Erlebnispädagogik fort und werden in Programmen wie „Integration durch Sport“ sozialpolitisch neu formatiert. Es ist ein Leitmotiv sozialpädagogischer Arbeit, körperliche Erlebnis-, Ausdrucks- und Bewegungsmöglichkeiten als Räume autonomer Entwicklung und selbstbestimmter Lebensführung zu fördern.
Ort: Virtuelle Fachtagung
Datum: 27. November 2026
Abstract einreichen: fachtagung-sozialearbeit@iu.org
Thematische Schwerpunkte der Fachtagung
Vor diesem Hintergrund ergeben sich weitere Fragestellungen, die wir im Rahmen der Tagung diskutieren möchten. Dazu gehören unter anderem:
Bewegung und Sport als Medium von Empowerment und Selbstermächtigung
die Bedeutung körperlicher Erfahrungen für Bildungs-, Entwicklungs- und Unterstützungsprozesse
körper- und bewegungsbezogene Ansätze als Zugang zu Zielgruppen
körperbezogene Praxisformen zwischen Anpassung und Emanzipation
Soziale Arbeit im Spannungsfeld technologischer Transformation und körperlicher Lebenswirklichkeit
der organisierte Sport als ambivalenter sozialer Raum zwischen Partizipation, Anerkennung und der Reproduktion von Ungleichheit und ideologischen Dynamiken
Wie in den vergangenen Jahren zielen wir auch mit der 7. Virtuellen Fachtagung Soziale Arbeit darauf ab, ein breites Spektrum von inhaltlichen Aspekten, theoretischen Ansätzen und empirischen Zugängen unter dem diesjährigen Thema zu versammeln. Wir wollen mit der Tagungsreihe zur Vernetzung der häufig verstreuten wissenschaftlichen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit und zur Identitätsbildung des Fachs beitragen.
Wir freuen uns auf Vorschläge in Form von kurzen Abstracts (max. 1.000 Zeichen + Literatur) bis zum 30. Juni 2026 an fachtagung-sozialearbeit@iu.org Einreichungen von Studierenden und Beiträge aus der Praxis der Sozialen Arbeit sind ausdrücklich willkommen!
Der Call for Abstracts, die Requirements und die Application Form sind hier zu finden.